Gedanken zu Europa und Grüße aus der Quarantäne

 

Liebe Freunde Europas,
 
denken Sie mit mir einen Moment an die Menschen im Gesundheitssektor, die weltweit und zu einem großen Teil wegen fehlender Schutzkleidung, mit Todesmut die Kranken und Pflegebedürftigen versorgen (warum das ein Thema von nationalem Hochmut ist lesen Sie unten am Beispiel Italiens).

A.
Die Coronaviren SARS-CoV-2 zeigen uns, wie sehr wir im 21. Jh auf intelligente soziale Organisation angewiesen sind. Sichtbar wird das auch in den halbstündigen
NDR-Podcastsmit dem Berliner Virologen Prof. Drosten.  Er macht komplexe Zusammenhänge nachvollziehbar. Gleichzeitig wird deutlich, dass er nur zusammenfassend und vereinfachend erklärt, hinter allem liegen noch einmal wesentlich komplexere wissenschaftliche Erkenntnisse.

Die Podcasts geben Einblick in den Stand der heutigen Medizin und in das Potential sachgerechter Diskussion ohne Empörungspotential. Wenn man eine Ecke weiter denkt, wird auch deutlich, dass wir Wege finden müssen die immer komplexer werdenden Themen mit politischer Bedeutung angemessen zu behandeln, zu vermitteln und zu diskutieren.

Die in den öffentlich-rechtlichen Sendern beliebten Talkshows scheinen dazu eher nicht geeignet. Ich hoffe, dass wir als Europa Union Frankfurt hier einen Beitrag leisten können und würde mich über Ihre Sicht dazu sehr freuen.

Empfehlungen für die Zeit in der "Quarantäne" finden Sie unten.

B.
Wahrscheinlich können wir uns alle glücklich schätzen in einem Gemeinwesen wie Deutschland zu leben. Laut
ZDF Politbarometer waren am letzten Wochenende  75 % der Meinung, dass die getroffenen Maßnahmen gerade richtig sind. Und 89 %waren der Meinung, dass die Bunderegierung ihre Sache in der Corona-Krise eher gut mache. Auch die Antworten auf weitere Fragen in der Umfrage zeigen in meinen Augen viel gesunden Menschenverstand. Deutlich geworden ist auch, wie sehr es nicht nur in der Krise darauf ankommt, dass das politische Personal über glaubwürdige Führungsqualitäten verfügen muss.
 
Wie nicht anders zu erwarten, nutzen verschiedene Bewegungen in Deutschland und der gesamten EU die Krise von Anbeginn. Zu den professionellen Kampagnen Chinas und den professionellen Desinformationskampagnen Russlands kommen Millionen 'nützlicher Idioten' (
Zitat Wladimir Iljitsch Lenin) auf den Medien-Plattformen.
 
Deutlich wird dies unter anderem am Phänomen des 'alleingelassenen Italiens'.

C.
Wir alle haben schon vom angeblichen Versagen der EU in der Coronakrise gelesen und gehört.
 
Wie Sie wahrscheinlich wissen, hat die EU keinerlei Zuständigkeit für Gesundheit, weil die Mitgliedstaaten dies nicht wünschen. Sie kann allerdings kommunizieren und koordinieren.
 
Schon seit Januar 2020, also lange vor dem Auftreten von SARS-CoV-2 in Europa, hat die EU Kommission offenbar in einer schnellen Folge von Besprechungen immer wieder versucht die Mitgliedstaaten dazu zu bringen abgestimmt zu handeln, und auch gemeinsam Material zu bestellen (von Masken über Tests bis Beatmungsgeräte), und zwar mit den nationalen Gesundheitsexperten und offenbar auch im Europäischen Rat, dem Organ der Mitgliedstaaten.
 
Sämtliche Vertreter der Mitgliedstaaten lehnten immer wieder ab, unter Hinweis darauf, man habe die Lage fest im Griff. Mehr Einzelheiten
im Artikel der Agentur Reuters vom 1. April hervor. Übrigens, auch noch in einer Besprechung am 5. Februar, also zwei Wochen nach dem Lockdown von 60 Millionen Einwohnern in Hubei/China und zwei Wochen nach dem ersten in Italien erkannten Fall, wähnte man sich laut der Besprechungsprotokolle überall bestens vorbereitet.
 
Weitere fruchtlose Besprechungen folgten, mittlerweile gibt es auch im Rahmen der EU abgestimmte Aktionen.
 
Mitgliedstaaten wie Deutschland haben stattdessen im Alleingang gehandelt, indem sie den Export von relevantem Material verboten, Grenzen geschlossen, und dadurch auch die Logistikketten zur Herstellung dringend benötigten Materials unterbrochen haben.

Beispiel Italien:  wegen fehlender Schutzausrüstung sind 10.000 Mitarbeiter aus dem  Gesundheitssektor am Virus erkrankt sind, 9% der insgesamt im Land erkrankten Personen (Reuters). Allein daraus dürften in Italien hunderte Tote resultieren.
 
Während dessen fahren
russische Militärkolonnen mit Fahnen und Spruchbändern durch Italien und werden für die Lieferung unbrauchbaren Materials europaweit in den Medien gefeiert.

Obwohl die italienische Regierung beharrlich gegenüber der EU-Kommission behauptet zu haben scheint alles im Griff zu haben, verläuft die Diskussion in Italien so, dass sich die Italiener von der EU allein gelassen sehen. 25 % der Italiener vertrauen noch der EU, etwas über die Hälfte dem Regierungschef Conte, etwa 75 % dem Staatspräsidenten Matarella (ADN Kronos, Link unten). Parallel wird leidenschaftlich nach Corona-Bonds gerufen und die Niederlande und Deutschland für ihre Verweigerungshaltung gescholten. Der italienische Regierungschef war dazu vergangene Woche Dienstag 31.3. in einem ARD Brennpunkt mit einem Interview zu sehen.
 
Man kann aus Italien allenthalben hören, wenn es keine Corona-Bonds gebe, dann werde es keine EU mehr geben (
LINK). Genau das, was sich verschiedene Bewegungen erhoffen.
Aus meiner Sicht zeigt die Alles-oder-Nichts-Diskussion in Sachen Corona-Bonds, dass hier das Feld einer rationaler Diskussion längst verlassen wurde.

D.
Nachdem die Krise ins laufen kam, scheint es zu einer langen Schrecksekunde in ganz Europa gekommen zu sein. Jeder Mitgliedstaat hat zunächst an sich selbst gedacht.

Aus europäischer Sicht ist dies für mich nicht wirklich nachvollziehbar. Für Sie vielleicht?
 
Wie wir alle sehen konnten, finden mittlerweile zahlreiche PR-wirksame Rettungsaktionen statt. Mitgliedstaaten werden hier und da tätig, daran beteiligt sich erfreulicherweise mittlerweile auch
Deutschland.

Die EU-Kommissionspräsidentin ist persönlich allen voran gegangen und weist den richtigen Weg zum richtigen Händewaschen mit einem
Video, in dem sie die Europahymne summt. Dieses vielleicht nicht ganz geglückte Video (siehe am Ende des Videos) wird jetzt leider zum Anlass genommen um sich über das Nichtstun der EU in Sachen Bekämpfung von SARS-CoV-2 zu beklagen.

Wir wissen, dass dies entschieden nicht so ist.

Es ist daher an der Zeit den Hochmut in den nationalen Hauptstädten zu zügeln und endlich die Möglichkeiten Europas und der EU durch gegenseitiges zuhören und ernsthafte Zusammenarbeit zu nutzen.

E.
Vielen unter uns wird gegenwärtig erstmals deutlich, dass wir in Europa nicht etwa in einem naturgegebenen Paradies leben. Freiheiten, Demokratie, Rechtsstaat  und mittlerweile selbstverständliche  Standards in allen Lebensbereichen, auch der Medizin, existieren nur weil sie täglich neu ergänzt, verteidigt, reformiert und verbessert werden.
 
Darin kann eine Chance liegen den Ernst und die Wichtigkeit des europäischen Projektes zu vermitteln und Unterstützung für unser gemeinsames Projekt zu gewinnen. Lassen Sie uns das optimistisch angehen und teilen Sie Ihre Gedanken mit uns!
 
Weiterführende Links finden Sie unten.

Herzlichen Gruß und auf Bald
 
Klaus Klipp

 

 

Empfehlungen für die ruhigen Stunden während des Shut down

  • Der Podcast EU Confidential von politico.eu, zur Corona Zeit 2x wöchentlich. Zusammenfassung der aktuellen Geschehnisse in der EU mit Meinungen aus Frankreich, UK, Deutschland
  • Ein Podcast "Europa heute" auf deutsch hier beim Deutschlandfunk, täglich
  • Zusammenfassung zu Corona-Bonds und weiteren Finanzhilfen